Warum gibt es so viel chinesisches Geld?
Es erstaunt mich immer wieder, wie wenige Anleger, Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten in der Lage sind, einfache Puzzleteile zusammenzusetzen. Also mache ich es noch einmal. Und zwar mit dem gewaltigen Berg an chinesischem Geld.
Wachstumsanspruch
Kürzlich meldete das chinesische Statistikamt ein Wirtschaftswachstum von 4,3% im zweiten Quartal, im Jahresvergleich. Das klingt gewaltig. In Europa dürfen wir schon froh sein, wenn wir die ein Prozent knacken.
Dennoch ist diese 4,3% eigentlich eine ziemlich schlechte Zahl. Sie bedeutet das langsamste Wachstumstempo seit dem letzten Quartal 2022 und liegt zudem ein gutes Stück unter dem offiziellen Wachstumsziel von 5%.
Anschließend entfaltet sich eine lebhafte Diskussion darüber, was die Ursache für diese enttäuschende chinesische Wachstumszahl ist und was das möglicherweise für die Weltwirtschaft, die Inflation und so weiter bedeutet.
Doch die eigentlichen Schlussfolgerungen bleiben aus.
Ein unrealistisches Ziel
Wie ich in meinem Buch Die Große Neuausrichtung ausführlich zeige, altert China schneller als jede andere große Volkswirtschaft. So schnell sogar, dass die chinesische Erwerbsbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten um Hunderte von Millionen Menschen (Sie lesen richtig) schrumpfen wird. Näher an der Praxis: In China ist die Kapazität der Kinderbetreuung in den vergangenen Jahren um 40% gesunken, mangels Nachfrage.
In jedem Land ist die Größe der Erwerbsbevölkerung der wichtigste Faktor dafür, wie stark eine Volkswirtschaft strukturell wachsen kann. Bei der rasanten Alterung ist das in China also bestimmt nicht stark. Dennoch hält die Zentralregierung in Peking hartnäckig an einem Wachstumsziel von 5% fest. China müsste extrem produktiv sein, um das ohne Trickserei zu erreichen. Davon ist leider keine Rede.
Der Trick
Die Lösung für Chinas Wachstumsproblem? Genau dieselbe wie für Frankreichs oder Japans Wachstumsproblem: Schulden. Mit zusätzlichen Schulden kaufen Regierungen weltweit Wirtschaftswachstum. Soweit ich weiß, wurde noch kein Politiker mit der Botschaft gewählt: Lasst uns gemeinsam schrumpfen, dann wird schon alles gut.
Je unrealistischer das Wachstumsziel ist, desto mehr Schulden werden benötigt, um es dennoch zu erreichen. Das erklärt unmittelbar, warum der Schuldenberg in China noch viel schneller wächst als in anderen Teilen der Welt. Vor noch nicht einmal zwanzig Jahren lag die gesamte chinesische Verschuldung deutlich niedriger als die von Europa und den Vereinigten Staaten. Doch seit 2023 gilt das Gegenteil: Der gesamte Schuldenberg Chinas ist größer. Und wächst somit auch schneller.
China leiht sich buchstäblich seinen Weg zu 5% Wirtschaftswachstum.
Geld ist Schuld
Dieses Puzzleteil bleibt in den Finanzmedien so gut wie immer unerwähnt. Doch dabei bleibt es nicht. Wie die Grafik unten zeigt, ist die gesamte Geldmenge Chinas inzwischen mehr als doppelt so groß wie die der Vereinigten Staaten. Und das, obwohl die chinesische Wirtschaft gut ein Drittel kleiner ist und der chinesische Yuan definitiv keine globale Reservewährung ist.

Wie kann das sein? Auch das ist einfach. Im aktuellen Finanzsystem gilt: Geld ist Schuld. Um all diese Schulden aufkaufen zu können, muss immer mehr Liquidität (sprich: Geld) im System vorhanden sein. Immer öfter geschieht das direkt. Zentralbanken drucken neues Geld und kaufen Staatsschulden. Oder sie parken es bei Banken, die durch Regulierung gezwungen werden, Staatspapiere als Puffer zu halten.
Gold glänzt
Das letzte Puzzleteil ist Gold. Warum kauft China gigantische Mengen an Gold? Weil es auch gigantische Mengen an Geld schafft. Was die meisten Menschen tatsächlich wissen, ist, dass unser Geld auf Vertrauen beruht. Darauf, dass man damit bezahlen kann, dass andere Menschen es akzeptieren und dass es seinen Wert nicht verliert.
Wenn so viel Geld im Umlauf ist, gerät dieses Vertrauen unter Druck. Wer steht schließlich Schlange, um alles in chinesischen Yuan zu bezahlen oder sein Gehalt in dieser Währung zu erhalten? Damit der Mechanismus des Wachstumskaufs mit Schulden, die anschließend durch das Drucken zusätzlichen Geldes finanziert werden, nicht ins Stocken gerät, muss China also auch Vertrauen kaufen.
Wie erzwingt man Vertrauen in seine Währung? Indem man echten Wert dahinterstellt. Und in der Regel ist dieser Wert Gold.
Die Große Neuausrichtung
Obwohl es meiner Meinung nach an obiger Argumentation nichts auszusetzen gibt, schauen mich viele Anleger und Ökonomen noch immer etwas glasig an, wenn ich versuche zu erklären, dass das System so funktioniert. So schwierig ist dieses Puzzle nun wirklich auch wieder nicht.
Wenn ich dann erzähle, dass ich rund um diese Dynamik einen ganzen Investmentfonds aufgebaut habe, werde ich immer noch regelmäßig als Spinner oder Extremanleger abgetan. Dass Finanzsysteme schon seit Jahrtausenden ins Wanken geraten, sobald das Vertrauen schwindet, haben sie nicht auf dem Schirm.
Macht nichts. Ich baue einfach weiter und puzzle nun mal für mein Leben gern.
Fazit
Chinas Wirtschaftswachstum wird durch Schulden und Geldschöpfung angetrieben. Entdecken Sie, warum dies direkt erklärt, warum China so viel Gold kauft.

Jeroen Blokland ist seit über 20 Jahren professioneller Investor und war als ehemaliger Leiter Multi-Asset bei Robeco für ein Kundenvermögen von mehr als fünf Milliarden Euro verantwortlich. Nach seinem Abgang von Robeco gründete er True Insights, eine unabhängige Investment-Research-Plattform, und ist seitdem als Kolumnist, YouTuber und gefragter Redner tätig. Mit über 100.000 Followern auf X gehört er zu den bekanntesten Stimmen im niederländischen Finanzwesen. Für GoldRepublic schreibt er über Makroökonomie, Märkte und die Rolle von Gold in einem diversifizierten Portfolio.






