KI-Agenten sind ein Risiko für die Finanzstabilität
Mehr als ein Chatbot
Nennen Sie einen KI-Agenten nicht einfach Chatbot. Ein Chatbot beantwortet Ihre Frage. Ein KI-Agent ist ein digitaler Assistent, der nicht nur Antworten liefert, sondern im Rahmen der Anweisungen und Befugnisse, die Sie ihm erteilen, auch selbstständig Aufgaben ausführt. Big Tech setzt voll darauf. Meta hat Muse am 8. September in den USA und Kanada eingeführt, OpenAI kündigte am 29. September „dots“ an, Microsoft bringt Autopilot und Google Gemini Agent.
Eine Revolution in der Arbeitswelt
KI-Agenten sind ebenso revolutionär wie seinerzeit die Apps. Sie machen in großen Unternehmen viele Arbeitskräfte überflüssig, auch hochqualifizierte. Der Bankenriese HSBC beispielsweise kündigte vergangene Woche an, rund die Hälfte der Management- und Fachfunktionen in seiner britischen Vermögensverwaltungssparte streichen zu wollen – und 70 % (!) seiner Finanzberater. Auch Selbstständige und Kleinunternehmer sehen plötzlich ein Meer an Möglichkeiten. Endlich eine Sekretärin! Mehr noch: Sie können selbst ein riesiges Team aus KI-Agenten aufbauen, das für einen Bruchteil der Kosten menschlicher Arbeitskräfte für Sie arbeitet. KI-Agenten nehmen nie Urlaub und haben – auch wenn man es nicht ganz ausschließen kann – bislang keine virtuelle Gewerkschaft gegründet. Ja, sie machen (noch) Fehler, doch innerhalb der selbstlernenden KI-Systeme verbessert sich das sehr schnell.
Das Ende der finanziellen Trägheit
KI-Agenten können auch das Machtverhältnis zwischen Banken und ihren Kunden verändern. Viele Menschen sind finanziell träge. Sie beklagen sich zwar über niedrige Sparzinsen, sind aber oft zu bequem, selbst etwas dagegen zu unternehmen. Diese Trägheit ist ein Segen für die Banken, die darauf ein Modell günstiger Einlagenfinanzierung aufbauen können. Das gilt insbesondere für Belgien, wobei man die niedrigen Sparzinsen dort im Verhältnis zu den sehr günstigen Hypothekenzinsen sehen muss. Ein KI-Agent kann diese Trägheit durchbrechen. Sparer können KI-Agenten einsetzen, um ihr Erspartes arbeiten zu lassen, indem sie sie beauftragen, ständig die Bank mit den besten Zinskonditionen ausfindig zu machen – unter Berücksichtigung von Steuern, Einlagensicherung, Bedingungen und eines möglichen Verlusts von Treueprämien. Erteilen Sie dem KI-Agenten die Befugnis, Ihr Erspartes selbstständig anderswo anzulegen, und schon kann es losgehen.
Lehren aus der Silicon Valley Bank
KI-Agenten zeichnen auch die Risiken in der Bankenlandschaft neu. Die weitreichende Digitalisierung der Finanzwirtschaft bringt viele Vorteile, erhöht aber auch das Risiko von Bank Runs. Der Zusammenbruch der Silicon Valley Bank im Jahr 2023 veranschaulicht das. Die Bank geriet in Schwierigkeiten, weil sie hohe Verluste auf ihr Portfolio aus US-Staatsanleihen erlitt, die infolge des Zinsanstiegs deutlich an Wert verloren hatten. Solange die Kunden ihre Einlagen nicht abzogen, waren diese Verluste nur latent, und die Bank konnte versuchen, die Situation auszusitzen. Doch als die Kunden massenhaft begannen, ihre Einlagen abzuziehen, musste die Bank die Anleihen verkaufen, um Liquidität zu beschaffen – und die Verluste wurden realisiert. Nach einigen unglücklichen Äußerungen des CEO über die finanzielle Lage legte ein Tech-Mogul die Lunte, indem er andere über soziale Medien aufforderte, ihr Geld abzuziehen. Und das geht, anders als im vordigitalen Zeitalter, per App im Handumdrehen. Durch den digitalen Bank Run ging die Silicon Valley Bank in weniger als zwei Tagen unter.
Tempo und Gleichzeitigkeit: der Bank Run der Zukunft
Bei der Silicon Valley Bank mussten die Kunden noch selbst den Knopf drücken, mit einem KI-Agenten ist nicht einmal das mehr nötig. Sie können Ihrem KI-Agenten nämlich auch die Anweisung geben, Ihr Geld blitzschnell abzuziehen, sobald schlechte Nachrichten auftauchen. Die Gefahr liegt dabei sowohl im Tempo als auch in der Gleichzeitigkeit. Der nächste Bank Run wartet vielleicht nicht, bis der Sparer aufwacht. Millionen von Agenten können dieselben Informationen verarbeiten und ähnlichen Entscheidungsregeln folgen. Sie müssen sich nicht absprechen, um gleichzeitig zum Ausgang zu laufen. Selbst ein Gerücht kann so einen sich selbst verstärkenden Prozess auslösen: Abhebungen führen zu Liquiditätsproblemen, die wiederum neue Abhebungen nach sich ziehen.
Druck auf Zinsmargen und Kredite
Ende September wies Torsten Sløk, Chefökonom von Apollo, zudem darauf hin, dass viele Fintech-Unternehmen deutlich höhere Zinsen bieten als US-Banken. Revolut Standard etwa bietet 3,5 % Zinsen – einen vollen Prozentpunkt mehr als die Zinsen, die US-Banken auf einem regulierten Sparkonto zahlen. Herausgeber von Stablecoins (an den Dollar gekoppelte Kryptowährungen) dürfen bislang keine Zinsen anbieten, doch früher oder später wird es dazu kommen. Wenn die Banken ihre Einlagenzinsen auf breiter Front anheben, müssen sie – wollen sie ihre Zinsmarge schützen (die Differenz zwischen den Zinsen, die sie auf Einlagen zahlen, und den Zinsen, die sie für Kredite berechnen) – auch die Kreditzinsen erhöhen. Auch das ist ein Systemrisiko, da es das Wirtschaftswachstum belastet.
Wie Banken und Aufsichtsbehörden reagieren können
Banken können diesem Risiko natürlich etwas entgegensetzen. Sie können beispielsweise ihre Zinssätze anheben, die Beträge begrenzen, die zu Vorzugskonditionen angelegt werden können, und digitale Hürden errichten, um KI-Agenten auszubremsen. Doch das ändert nichts daran, dass KI-Agenten das Systemrisiko erhöhen. Banken und Aufsichtsbehörden werden ihre Stresstests an diese Möglichkeit anpassen müssen. Und womöglich folgt eine neue Regulierung.
Physisches Gold außerhalb des Bankensystems
KI-Agenten zeigen, wie schnell sich Geld innerhalb des digitalen Finanzsystems bewegen kann und wie bestehende Risiken dadurch verstärkt werden können. Ein Bankguthaben und physisches Gold haben in dieser Hinsicht ein unterschiedliches Risikoprofil. Geld auf einem Konto bleibt vom Funktionieren des Bankensystems abhängig, während physisch zugewiesenes Gold außerhalb davon verwahrt wird. Gerade jetzt, da sich Finanzprozesse immer weiter digitalisieren und beschleunigen, kann Gold daher innerhalb eines breit gestreuten Vermögens eine ergänzende, diversifizierende Rolle spielen.
KI-Agenten können Erspartes blitzschnell verschieben und Bank Runs beschleunigen. Jan Longeval über das neue Systemrisiko und die Rolle von physischem Gold.

Jan Longeval ist Autor, Redner, unabhängiger Berater und Co-Host des GoldRepublic-Podcasts. Für GoldRepublic verfasst er Finanz- und Wirtschaftsanalysen, die sich speziell auf Belgien in einem breiteren europäischen Kontext beziehen. Er hat mehrere Bücher über Geldanlage, Gold und Bitcoin geschrieben. Mit Masterabschlüssen in Volkswirtschaft und Immobilienwirtschaft, als zertifizierter Finanzanalyst, Adjunct Professor of Finance an der Vlerick Business School und ehemaliger Head of Investments bei Degroof Petercam ist Jan ein gefragter Redner und unabhängiger Berater. Mit fundierten, stark analytischen Artikeln und Blogs informiert er regelmäßig seine vielen tausend Follower.




